Licht und Schatten im Kundalini Yoga

Aus unserem Newsletter vom 19.2.2020 (deutsche Version):

Sat Nam liebe Sangat,
heute schreiben wir einen Newsletter, der aufgrund der letztwöchigen Ereignisse ein ganz anderes Thema hat als eigentlich geplant. (Wie war das? Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm deine Pläne!)Wir erleben gerade einen Erdrutsch, Vulkanausbruch und Erdbeben gleichzeitig mit den Berichten über die Schattenseiten von Yogi Bhajan im Umgang mit seinen Schülerinnen. Schade, dass er schon von uns gegangen ist und wir ihn nicht mehr konfrontieren können. Das wäre doch die Aufgabe einer funktionierenden Sangat.Wie Du vielleicht im Internet, auf Facebook oder sonstigen Medien erleben kannst, kommen alte und neue Wahrheiten/Halbwahrheiten/Mutmaßungen /Meinungen/sehr starke Meinungen zu Tage. Es fühlt sich an, als hätte ein Dorf sich plötzlich auf den Marktplatz begeben und alle Geschichten aus dem Dorf ausgepackt. Die #metoo Bewegung hat auch Kundalini Yoga erreicht. Das ist richtig und wichtig und tut weh. Wir haben großes Mitempfinden für die Betroffenen, die über so viele Jahre warten mussten, um endlich gehört zu werden.

Geschichte neu schreiben

Da Dharma Singh im K R I Board ist, hat er auch dort Einsicht in diese Geschichten und er erlebt eine große Betroffenheit. Es ist etwas dran an den Geschichten und es gab Übergriffe. K R I hat sich sehr klar dafür entschieden, dass keine der Geschichten zurückgehalten wird, sondern es dringend an der Zeit ist diese zu zulassen und sie ans Licht zu holen. Es ist eine unabhängige Untersuchung (investigation) etabliert worden, es gibt eine Krisenhotline für Betroffene (wieder einmal hauptsächlich Frauen). Wir kommen kaum hinterher, die Ereignisse zu sortieren und auch zu prüfen, aber wir werden unsere Geschichte neu schreiben dürfen und Kundalini Yoga bekommt ein neues Gesicht. Das geht bis in die Ausbildungen, die Bücher usw.

Das Gute am Wassermannzeitalter ist, dass Ungehörtes gehört wird und nichts verborgen bleibt.

Das Gute ist auch, dass wir als Sangat ein Bewusstsein haben, das entwickelter ist als in den Anfängen des Kundalini Yoga. Das Gute ist auch,  den Blick gänzlich abzuwenden vom Personenkult um Yogi Bhajan und unsere Tiefe und Anbindung wirklich über die eigene Erfahrung und den Austausch über die Teachings zu finden. Und es bedeutet: wir dürfen uns endlich trauen auf unseren Erfahrungen aufzubauen, diese für wahr zu halten und die Technik zu lieben und nicht die Wasserleitung, die diese vermittelt hat. (angelehnt an ein Zitat von Yogi Bhajan: „Water is not pipe, pipe is not water, water has to flow to nourish the land“ oder „love my teachings, not me !“) Wie wahr. Er sagte, dass es wichtig ist, dass wir nicht die Wagons eines Zuges sind, bei dem der ganze Zug entgleist, wenn die Lok fällt. Jeder von uns ist ein eigener Zug und hat sich selbst durch die Techniken iniziiert.

Wir können uns sogar trauen unseren Blick von der Wasserleitung zu lösen und die Techniken zu nutzen um 10 mal größer zu werden. Diesen Prozess nennen wir Emanzipation.

Handlungsfähig bleiben

Im Sinne von Trauer und Krisenprozess gehen wir schrittweise vor:

  1. Aus dem Schock herauskommen und sich den aufbrechenden Emotionen stellen (Pranayama to enrich the mind, weiteratmen, singen, meditieren)
  2. Die Emotionen zulassen und mit ihnen arbeiten, um die Phase der Verhandlung/Negation zu durchdringen (balance the tattwas)
  3. Die Fluchttendenz und die Depression mit unseren Techniken überwinden und in die Annahme kommen (starke, kräftige Kriyas, die uns mit dem Körper verbinden, Nabelpunkt stärken, Pratyahara: be conciously concious)
  4. Einen neuen Weltbezug herstellen mit einem Vertrauen auf das eigene erworbene Wissen (Do you trust yourself? How can you trust others if you don`t trust yourself)

Wir sind am Anfang von Schock und Emotion und da ist es gut sich an die Sangat anzubinden, an Menschen, die Dich erinnern, dass Du angebunden bist.

Wie und was ändert sich in Deinem Yogaalltag?

Nun, wir hoffen gar nichts, denn die  vom Postboten überreichten Teachings sind es, die dich weiterbringen und nicht der Postbote.

Hängst Du das Bild von Yogi Bhajan ab? Ja, warum nicht, eine Instanz wie Guru Ram Dass ist mit weniger Schattenseiten behaftet und eine neutrale Altargröße. Vielleicht behältst du es auch, weil du anerkennst dass er der Postbote war.

Machst Du noch Tratakam? Wohl dann eher auf eine Kerze als auf das Bild von Yogi Bhajan.

Gehst Du zum Weißen Tantra? Nun, die Empfehlung es an die Stufe 1 zu knüpfen wird wahrscheinlich neu überdacht werden. Und wenn es Dich genährt hat als Meditationstechnik, klar warum nicht.

Stimmst Du Dich mit Ong Namo in die Goldene Kette ein? Klar, denn auf dieser Ebene gibt es nicht die Polarität von Licht und Schatten, sondern Anschluss an die Quelle.

Kannst Du Kundalini Yoga trauen? Na klar, denn das haben alle Facebook und sonstigen Social Media Posts gemeinsam, die Menschen lieben die Technik, das Werkzeug, weil es Ihnen geholfen hat in schwierigen Zeiten auch wie diesen. Daher auch hier ein Tipp für eine Meditation:

Es ist auch eine wichtige Frage in der gesamten #metoo Debatte, egal ob im Yoga, beim Film, in der Politik oder Kunst:

Was gilt es zu lernen als große Gemeinschaft? Weshalb gibt es diese Offenlegung von Fehlverhalten, das es schon immer gibt? Geht das nebeneinander: Genialität und Mensch sein mit allen Schattenanteilen (angelic, human, animal)? JedEr von uns tanzt auf der Schneide des Schwertes und kann mit einem Schritt daneben fallen. Wir haben das auch schon mit anderen geliebten Lehrern erlebt. Und da geht der Blick zurück auf jeden von uns selbst.

Wo ist die Sangat als Korrektiv? Stellen wir uns selbst bewusst in eine Sangat, die uns Rückmeldung gibt? Geben wir selbst Rückmeldung an andere? Und ganz wichtig: Was ist unsere eigene und gemeinsame Referenz als Sangat auf die wir uns beziehen? Solange unsere Referenz Menschen sind, besteht immer die Gefahr, dass sie fallen und wir uns dann betrogen fühlen. In diesem Sinne beziehen wir uns nochmal auf Yogi Bhajan, der auch gesagt hat: er ist nicht die Quelle sondern letztlich die Worte der Gurus aus dem Guru Granth Sahib…und jede andere Religion ebenso gewertschätzt hat.

Danke an Alle, die versuchen in diesen Windstürmen des Lebens im Moment bewußt, ruhig und achtsam zu handeln. Die bereit sind im Internet sich dieser Polarität und Reaktivität mit Besonnenheit und Weitsicht zu stellen. Hier noch ein längeres (gekürztes) Zitat unserer Kundalini Yoga Lehrerforum Facebook Administratorin, Bettina Khalsa:

… Lange Rede, kurzer Sinn. Gesetzt den Fall, Yogi Bhajan wäre tatsächlich ein übergriffiger Scharlatan. Was würde sich an deinem Lebensstil und an deinem Unterricht ändern? Ich wäre weiterhin Vegetarierin, ich würde weiterhin keine Drogen zu mir nehmen, würde weiterhin die Regeln von Patanjali beachten, würde weiterhin Kundalini Yoga unterrichten, würde weiterhin die goldene Kette begrüßen, denn ich liebe Guru Ram Das und Guru Nanak. Ich würde weiterhin nicht alles buchstäblich übernehmen, was Yogi Bhajan unterrichtet (das habe ich nie gemacht, sondern ich habe immer recherchiert).Aber ich würde stärker als bisher auf mich selbst hören, hätte keine Schuldgefühle, dass ich keinen Turban trage, meine Haare schneide und färbe, wäre mit dem Yoga verbunden, so wie ich es für richtig halte, würde dafür sorgen, dass ich nicht übergriffig bin und freue mich, dass ich meinen Yogaschüler*innen eher eine Partnerin als eine spirituelle Lehrerin bin. (Dafür bin ich von Kundalini Kolleg*innen schon angefeindet worden). Wenn ich alle Jubeljahre doch ein Gläschen Wein trinken würde, dann weiß ich genau, dass ich kein schlechter Mensch bin. Ich hätte weniger Angst davor, keine ‚gute‘ Yogini zu sein. Ich wäre für mich selbst verantwortlich! Das wäre der Gewinn für mich.

Was würde sich für dich ändern? …

Sei gesegnet und gerne darfst Du uns kontaktieren, bei Nachfragen oder Anregungen.

satnam@pranajio.com

Dharma Singh und Karta Purkh Kaur